Erster Tag Rhône-Radweg Lyon Sarras – 91 Kilometer, 39 Grad, zwei kapitale Planungsfehler

Mittwoch, 24. Juni 2026. Anreise nach Lyon – Start unseres Rhône-Radweg-Abenteuers


Warum Erich an diesem Tag gute Nerven brauchte und ich gleich zweimal kräftig danebenlag.

Rhône-Radweg Lyon – Sarras. Nach langer Planung war es am Donnerstagmorgen endlich so weit: Um 6:15 Uhr, so hatten wir es vereinbart, standen Erich und ich etwas verschlafen an der Tiefgarage unseres Hotels in Lyon. Unsere E-Bikes warteten bereits sehnsüchtig auf ihren ersten Einsatz.

Um 6:30 Uhr war unser Frühstück. Nach dem Frühstück begann das erste kleine Fitnessprogramm des Tages. Weil der Fahrstuhl nach dem Stromausfall vom Vortag noch immer außer Betrieb war, schleppten wir unsere vollgepackten Satteltaschen mühsam drei Stockwerke nach unten. Wer braucht schon ein Fitnessstudio? Kurz nach halb acht rollten wir endlich los. Vor uns lagen laut Planung 84 Kilometer bis nach Sarras.

Lyon wollte uns nicht ziehen lassen.

Die ersten zehn Kilometer führten uns noch mitten durch Lyon. Verkehr, Ampeln, Kreuzungen und viel Stadtleben – erst langsam ließen wir den Großraum hinter uns. Schon wurde eine Trinkpause notwendig. Die Rhône war zwar meistens in unserer Nähe, verschwand aber immer wieder hinter Straßen, Gebäuden oder Böschungen. Mit jedem Kilometer wurde die Umgebung ruhiger. Die Bebauung lockerte sich auf, kleinere Orte wechselten sich mit Feldern und Uferabschnitten ab. 

Dann kam mein erster Bock des Tages …

Nach etwa 18 Kilometern schlug die Navigation plötzlich einen Weg direkt an der Rhône entlang vor. Eigentlich hätte mich spätestens der erste Blick auf den immer schmäler werdenden Weg und schließlich auf den Trampelpfad misstrauisch machen müssen. Stattdessen dachte ich noch: „Komoot wird schon wissen, was es tut.“ Großer Fehler.

Aus dem vermeintlichen Radweg wurde innerhalb weniger Meter ein regelrechter Dschungel. Hohe Büsche, Brennnesseln, Äste, Gestrüpp und dazwischen ein kaum erkennbarer Trampelpfad direkt am Flussufer. Umkehren? Unmöglich. Der Weg war so schmal, dass wir mit unseren voll bepackten Rädern keine Chance hatten, zu wenden. Links oben die Autobahn, dicht rechts die Rhone. Also blieb uns nichts anderes übrig, als unsere E-Bikes fast eine Stunde lang zu schieben, mehrmals Abwasserkanäle zu überwinden und uns Meter für Meter durch das Dickicht zu kämpfen. Das war anstrengend ohne Ende. 😢

Ich kam mir zeitweise vor wie auf einer Expedition durch den Amazonas – nur ohne Machete. Erich nahm es erstaunlich gelassen. Wahrscheinlich wusste er, dass ich mich über meinen Planungsfehler ohnehin schon genug ärgerte. Licht am Ende des Tunnels zeigte sich und endlich hatten wir diese anstrengende Tortur geschafft. 

Die fast einstündige Tortur durch den „Dschungel“. Im Video auf 4:50 Minuten zusammengefasst.

Mit jedem Kilometer wurde die Umgebung nun ruhiger. Die Bebauung lockerte sich auf, kleinere Orte wechselten sich mit Feldern und Uferabschnitten ab. Im Bereich von Vienne bekam die Landschaft deutlich mehr Charakter. Wenig später, zwischen Ampuis und Condrieu, zeigte sich einer der schönsten Abschnitte des Tages. Die steilen Weinberge der Côte-Rôtie zogen sich spektakulär an den Hängen entlang und sorgten für die ersten echten Postkartenmotive unserer Tour.

In Condrieu fanden wir direkt an der Rhone gegen 14 Uhr das Hotel Le Beau Rivage mit seinem Restaurant. Die Gelegenheit nutzten wir zu einer Pause. Um diese Uhrzeit gab die Küche nur noch Salat her. Gut war’s trotzdem und mit Wasser und Cola Zero füllten wir unseren Flüssigkeitsspeicher entsprechend auf. Anschließend ging es weiter direkt auf der ViaRhôna an der Rhône entlang. In  Chavanay erinnern zwei markante Granitsäulen am Ufer der Rhône als Denkmal an die Hinrichtungen der Nazis von 1944. 😭

Frankreich meinte es gut mit uns. Das Wetter nicht.

Rhône-Radweg Lyon Sarras. Als wäre der Dschungel nicht genug gewesen, zeigte das Thermometer unterwegs bis zu 39 Grad. Es waren ausgerechnet die heißesten Tage des Jahres in Frankreich. Zum Glück hatten wir unsere Strategie bereits vorher festgelegt. Etwa alle zwanzig bis dreißig Minuten legten wir eine Trinkpause ein. Unter dem Helm hielt ich mein Bandana ständig nass und auch mein Trikot wurde regelmäßig mit Wasser getränkt. Das half tatsächlich erstaunlich gut.

Nur der Wind hatte offenbar andere Pläne. Er kam uns den ganzen Tag frontal entgegen und fühlte sich eher wie die Abluft eines Heißluftföhns an als wie eine angenehme Brise. Wie viele Liter Wasser wir getrunken haben, weiß ich nicht mehr. Gefühlt waren es mindestens hundert.

Es kam noch schlimmer …

Nach 91 Kilometern – geplant waren eigentlich 84 – erreichten wir gegen 18:45 Uhr endlich unser Hotel in Sarras. Dachten wir jedenfalls. An der Rezeption schaute man uns freundlich an und erklärte, dass es weder eine Reservierung noch freie Zimmer gäbe. Mein erster Gedanke war: Das darf jetzt nicht wahr sein.

Nach kurzer Recherche stellte sich heraus, dass ich tatsächlich ein nahezu gleichnamiges Hotel gebucht hatte. Der kleine Haken: Es lag rund 95 Kilometer entfernt! Spätestens da war klar: Das war heute definitiv nicht mein stärkster Tag. Ich konnte Erich deutlich ansehen, dass er sich seinen Reiseleiter vermutlich etwas fehlerfreier vorgestellt hatte. 🫢

Ende gut, fast alles gut

Zum Glück fanden wir über Booking.com noch ein Apartment etwa zweieinhalb Kilometer entfernt. Blöd war nur, dass mein Akku inzwischen nur noch ein Prozent Restkapazität anzeigte. Mehr Nervenkitzel braucht kein Mensch. Gerade noch rechtzeitig erreichten wir das Apartment.

Dort wusste allerdings zunächst niemand etwas von unserer Buchung. Hilfsbereite Nachbarn telefonierten mit der Eigentümerin. Schließlich erschien nach etwa 35 Minuten ihr Sohn und ließ uns endlich hinein. Luxus sieht sicher anders aus. Das Apartment war groß, aber einfach eingerichtet. Eine Klimaanlage gab es nicht, dafür immerhin drei Ventilatoren. In diesem Moment war uns das völlig egal. Nach diesem Tag waren wir einfach nur glücklich, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.

Nachdem wir ausgepackt, ausgeruht und geduscht hatten, machten wir uns auf die Suche nach einem Restaurant. Die Auswahl war nicht groß, ein Kebab-Pizza-Laden. Beide hatten wir nicht nur Hunger, sondern auch richtig Gelüste und Durst auf ein kühles Bier. Leider Fehlanzeige, aus religiösen Gründen gab es keinen Alkohol. Cola Zero tat es dann auch. 


Unser Fazit

Rhône-Radweg Lyon – Sarras. Der erste Radtag hatte wirklich alles zu bieten: Großstadtverkehr, traumhafte Weinberge, eine unfreiwillige Dschungelwanderung, Rekordhitze, Gegenwind, einen fast leeren Akku und zum krönenden Abschluss noch meine zweite große Panne bei der Hotelbuchung.

Es gibt Tage, an denen läuft einfach alles nach Plan. Unser erster Tag auf dem Rhône-Radweg gehörte definitiv nicht dazu. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – wird uns genau dieser Tag wohl am längsten in Erinnerung bleiben.


Freitag, 26. Juni 2026. Rhône-Radweg Tag 2: Entspannt entlang der Rhône bis Le Pouzin

 

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