AfD-Erfolg: Nicht die Wirtschaft, sondern die Sorge vor Zuwanderung

AfD-Erfolg und Zuwanderung. „Die AfD wird vor allem gewählt, weil Menschen wirtschaftlich abgehängt sind.“ Stimmt das wirklich?

AfD-Erfolg und Zuwanderung. Dieses Argument hört man immer wieder. Arbeitslosigkeit, niedrige Einkommen, Abstiegsängste, mangelnde Bildung – all das soll erklären, warum Menschen ihr Kreuz bei der AfD machen. Eine neue wissenschaftliche Studie kommt nun zu einem bemerkenswert anderen Ergebnis: Es ist offenbar nicht in erster Linie die wirtschaftliche Benachteiligung. Es ist die Sorge über Zuwanderung. Und das ist politisch durchaus brisant.

110.000 Befragungen – ein ziemlich deutlicher Befund

Waage mit wirtschaftlicher Not und Sorge vor Zuwanderung als Faktoren für AfD-Unterstützung

Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke von der Universität des Saarlandes haben Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 2014 bis 2024 ausgewertet. Die Untersuchung umfasst 110.194 Beobachtungen von 31.985 Personen. Die Forscher wollten wissen: Was erklärt die Unterstützung für die AfD stärker – wirtschaftliche Benachteiligung oder die Einstellung zur Zuwanderung? AfD-Erfolg und Zuwanderung.

Das Ergebnis fällt erstaunlich eindeutig aus. Die Sorge über Zuwanderung ist in jedem untersuchten Jahr der stärkste und zugleich konsistenteste statistische Zusammenhang mit der Unterstützung der AfD. Nach den Berechnungen erklärt die Sorge über Zuwanderung allein rund 75 Prozent der erklärbaren Unterschiede bei der AfD-Unterstützung. Beim tatsächlichen Wahlverhalten sind es sogar rund 90 Prozent der erklärbaren Unterschiede.

Wichtig ist dabei eine Einschränkung: Das bedeutet nicht, dass 90 Prozent der AfD-Wähler ausschließlich wegen Migration AfD wählen. Die 90 Prozent beziehen sich auf den Anteil der statistisch erklärbaren Unterschiede im Wahlverhalten, den die Sorge über Zuwanderung in diesem Modell erklärt. Die Größenordnung ist trotzdem bemerkenswert.

Wirtschaftliche Benachteiligung erklärt erstaunlich wenig

Die Forscher haben verschiedene wirtschaftliche Faktoren berücksichtigt – unter anderem Einkommen, Bildung, Zufriedenheit mit dem eigenen Einkommen, allgemeine wirtschaftliche Sorgen und Sorgen um die persönliche finanzielle Situation. Und genau hier wird es interessant: Diese Faktoren erklären vergleichsweise wenig zusätzlich, wenn die Sorge über Zuwanderung bereits berücksichtigt wird. Die Studie stellt damit die häufig erzählte Geschichte vom „wirtschaftlich abgehängten AfD-Wähler“ deutlich infrage.

Besonders bemerkenswert ist, dass der Zusammenhang mit der Sorge über Zuwanderung nicht einfach dadurch verschwindet, dass man wirtschaftliche Faktoren in die Berechnung einbezieht. Die Autoren kommen vielmehr zu dem Ergebnis, dass wirtschaftliche Benachteiligung weder eine starke Alternative noch eine wesentliche zusätzliche Erklärung für die AfD-Unterstützung darstellt.

Auch Menschen mit hohem Einkommen können die AfD unterstützen

AfD-Kundgebung als Symbol für die Sorge vor Zuwanderung und den AfD-ErfolgNoch interessanter wird es bei einem Blick auf Bildung und Einkommen. Die Studie findet nicht, dass vor allem die wirtschaftlich Schwächsten durch ihre Sorge über Zuwanderung zur AfD getrieben werden. Im Gegenteil: In den untersuchten Wechselwirkungen zeigte sich, dass höher gebildete Menschen und Menschen, die sich selbst als wirtschaftlich gut gestellt einschätzen, bei entsprechender Sorge über Zuwanderung ebenfalls stärker zur AfD tendieren können.

Die Forscher bilden dafür zwei statistische Vergleichspersonen. Die eine Person ist wirtschaftlich maximal benachteiligt, hat wenig Bildung, ein niedriges Einkommen und große finanzielle Sorgen – ist aber überhaupt nicht über Zuwanderung besorgt. Ihre berechnete Wahrscheinlichkeit, die AfD zu unterstützen, liegt bei lediglich 3,7 Prozent.

Die andere Person ist das genaue Gegenteil: Sie verfügt über hohes Einkommen, hohe Bildung, ist mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufrieden und hat keinerlei finanzielle Sorgen – ist aber sehr stark über Zuwanderung besorgt. Ihre berechnete Wahrscheinlichkeit, die AfD zu unterstützen, liegt bei 8 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch. Natürlich handelt es sich hierbei um statistisch konstruierte Vergleichspersonen, nicht um zwei konkrete Menschen. AfD-Erfolg und Zuwanderung.

Aber gerade deshalb ist das Ergebnis interessant: Es widerspricht der einfachen Erklärung, wirtschaftliche Benachteiligung sei der entscheidende Grund für die AfD-Unterstützung.

Und was passiert beim selben Menschen?

Noch interessanter finde ich einen anderen Teil der Untersuchung. Die Wissenschaftler haben nicht nur unterschiedliche Menschen miteinander verglichen. Sie haben auch untersucht, was sich bei denselben Personen über die Jahre verändert. Das ist methodisch besonders interessant, weil dadurch persönliche Unterschiede zwischen den Menschen weitgehend herausgerechnet werden können.

Das Ergebnis: Wenn ein und dieselbe Person im Zeitverlauf stärker über Zuwanderung besorgt ist, steigt auch ihre Wahrscheinlichkeit, die AfD zu unterstützen. Eine Zunahme der Sorge über Zuwanderung um eine Standardabweichung geht in diesem Modell mit einem Anstieg der Wahrscheinlichkeit einer AfD-Unterstützung um etwa 20 Prozentpunkte einher.

Zum Vergleich: Eine entsprechende Zunahme der Sorge über die allgemeine wirtschaftliche Situation hängt mit einem Anstieg von etwa 6,5 Prozentpunkten zusammen. Veränderungen bei den direkt gemessenen wirtschaftlichen Benachteiligungen zeigten dagegen keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit einer veränderten AfD-Unterstützung. Das ist ein ziemlich deutlicher Unterschied.

Und was ist mit Ausländerfeindlichkeit oder Rassismus?

Hier muss man genau bleiben. Die Studie beweist nicht, dass AfD-Wähler rassistisch sind. Die Forscher haben nämlich keinen direkten Test auf rassistische Einstellungen durchgeführt. Die entscheidende Frage lautete lediglich:

„Wie besorgt sind Sie über die Zuwanderung nach Deutschland?“

Die Befragten konnten antworten: „überhaupt nicht besorgt“, „etwas besorgt“ oder „sehr besorgt“. Aus einer solchen Frage kann man deshalb nicht automatisch schließen, dass jemand Ausländer ablehnt, ihnen feindselig gegenübersteht oder gar rassistische Vorstellungen vertritt. Wer sich über Zuwanderung sorgt, kann dafür ganz unterschiedliche Gründe haben.

Interessant ist allerdings, dass die Wissenschaftler selbst eine mögliche Erklärung diskutieren: Manche Menschen könnten Zuwanderung deshalb ablehnen oder besonders kritisch sehen, weil sie Deutschland vor allem als Land für die „eigene“ Bevölkerungsgruppe verstehen und Veränderungen durch Menschen anderer Herkunft ablehnen.

Anders gesagt: Es könnte bei einem Teil der migrationskritischen Einstellung nicht um den eigenen Geldbeutel gehen, sondern um die Vorstellung, dass „zu viele Fremde“ ins Land kommen und Deutschland dadurch seine bisherige kulturelle oder gesellschaftliche Prägung verliert.

Die Autoren beschreiben diese mögliche Erklärung als eine Sichtweise, bei der eine kulturell definierte einheimische Gruppe gegenüber Menschen von außerhalb abgegrenzt und geschützt werden soll. Ob dahinter im Einzelfall Fremdenfeindlichkeit oder sogar Rassismus steckt, kann diese Studie allerdings nicht feststellen.

Dafür hätte sie die Einstellungen gegenüber Menschen anderer Herkunft direkt untersuchen müssen. Genau deshalb sollte man aus der Studie auch nicht die pauschale Behauptung ableiten: „AfD-Wähler sind Rassisten.“ Das wäre wissenschaftlich nicht sauber.

Was die Untersuchung tatsächlich zeigt, ist etwas anderes – und das ist bereits bemerkenswert genug: Die Sorge über Zuwanderung hängt wesentlich stärker mit der Unterstützung der AfD zusammen als die persönliche wirtschaftliche Situation.

Die Studie stellt das Bild vom „abgehängten AfD-Wähler“ infrage

AfD-Anhänger und Deutschlandfahnen bei einer Kundgebung zum Thema ZuwandeGenau darin liegt für mich die eigentliche Bedeutung der Untersuchung. Wer behauptet, AfD-Unterstützung sei hauptsächlich ein Ergebnis sozialer oder wirtschaftlicher Benachteiligung, bekommt durch diese Studie ein erhebliches Problem. Denn die Daten zeigen: Die wirtschaftlich Benachteiligten sind nicht automatisch AfD-Anhänger. Und umgekehrt kann jemand mit guter Ausbildung, hohem Einkommen und ohne persönliche finanzielle Sorgen die AfD unterstützen, wenn seine Sorge über Zuwanderung entsprechend groß ist.

Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss, dass die viel zitierte Erklärung vom „Verlierer der Modernisierung“ die AfD-Unterstützung nicht ausreichend erklärt. Kulturelle Faktoren – insbesondere die Sorge über Zuwanderung – haben in ihren Modellen deutlich mehr Erklärungskraft.

Die entscheidende Frage bleibt deshalb eine andere

Wenn wirtschaftliche Benachteiligung nicht die entscheidende Erklärung ist – warum ist die Sorge über Zuwanderung bei AfD-Anhängern so stark? Genau diese Frage beantwortet die Studie nicht abschließend. Sie zeigt einen sehr starken statistischen Zusammenhang. Sie kann aber nicht vollständig erklären, woher diese Sorge kommt.

Die Autoren diskutieren dafür unter anderem die Möglichkeit, dass Menschen gesellschaftliche Veränderungen ablehnen, weil sie ihre eigene kulturelle Gruppe als besonders schützenswert betrachten und Menschen anderer Herkunft als etwas betrachten, das diese gesellschaftliche Ordnung verändert oder bedroht. Das ist eine Erklärung, die weit über die Frage hinausgeht, ob jemand genug Geld im Portemonnaie hat. Vielleicht muss man deshalb die immer wieder erzählte Geschichte vom „abgehängten AfD-Wähler“ neu betrachten.

Denn möglicherweise geht es bei einem erheblichen Teil der AfD-Unterstützung weniger um den eigenen Geldbeutel als um die Vorstellung davon, wie Deutschland aussehen soll – und wer zu diesem Deutschland gehört. Das ist keine Aussage darüber, dass jeder AfD-Wähler ein Rassist ist. Aber es ist ein Befund, über den man diskutieren sollte. Und zwar auf Grundlage von Daten – nicht auf Grundlage von politischen Wunschvorstellungen.


Quellen

Die wissenschaftliche Grundlage dieses Beitrags ist die Studie von Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke, veröffentlicht am 21. Juli 2026 in PLOS ONEOriginalstudie bei PLOS ONE. Die verwendeten Daten stammen aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) und umfassen die Erhebungsjahre 2014 bis 2024.

Schreibe einen Kommentar